Russen sorgen für Wirbel"Ich sehe die Farbe ihrer roten Mäntel und denke an Blut"

Die Teilnahme Russlands sorgt bei den Paralympics weiter für Wirbel. Während eine Ukrainerin ihre Friedens-Ohrringe abnehmen muss, setzen deutsche Sportler ein deutliches Zeichen. Zudem erhebt die ukrainische Delegation schwere Vorwürfe.
Linn Kazmaier und Florian Baumann wandten sich ab, die Mützen blieben auf. Auch auf das obligatorische Podiums-Selfie hatten die Skilangläuferin und ihr Guide keine Lust. In all dem Wirbel um die Wiederzulassung Russlands unter eigener Flagge bei den Paralympischen Winterspielen setzte das deutsche Duo ein klares Zeichen.
"Dass das Politische das so überschattet, ist einfach total schade. Es ist einfach politisch nicht vertretbar", sagte Kazmaier, nachdem die 19-Jährige und Baumann nach ihrer Silbermedaille demonstrativ Abstand zu der russischen Sprint-Siegerin Anastasija Bagijan gehalten hatten: "Wir haben uns überlegt, die Mütze anzulassen und uns nicht zu den Fahnen zu drehen, weil wir das nicht unterstützen."
"Die schlimmsten Paralympics der Geschichte"
"Menschlich" aber könne sie es den Russen gönnen. "Ich kenne die Leute nicht, ich weiß nicht: Vielleicht unterstützen sie das System in Russland genauso wenig. Vielleicht sind es total nette Menschen, mit denen wir eigentlich befreundet sein könnten", ergänzte die Paralympicssiegerin von Peking. Dennoch entschied sich Kazmaier gemeinsam mit ihrem Begleitläufer Baumann für einen Protest, der Konsequenzen haben könnte. "Das IPC ist sich der Situation bewusst, sammelt Beweise und analysiert diese", hieß es auf Anfrage.
Die Entscheidung des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC) mit Präsident Andrew Parsons an der Spitze, Russland wieder vollwertig unter Nationalfarben und mit eigener Hymne zuzulassen, bleibt eines der bestimmenden Themen bei den Spielen in Mailand und Cortina d'Ampezzo. Nach dem Sieg von Warwara Worontschichina im Super-G holte Bagijan die zweite Goldmedaille, Iwan Golubkow im Langlauf die dritte. Erstmals seit den Heimspielen von Sotschi 2014 ertönte wieder die russische Hymne auf der großen Sportbühne, zuletzt an drei Tagen in Folge.
"Stop-War"-Ohrringe nicht erlaubt
Für Walerij Suschkewitsch sind es "die schlimmsten Paralympics der Geschichte" - "und Mister Parsons lässt das einfach so zu", sagte der Präsident des Nationalen Paralympischen Komitees der Ukraine angesichts des Terrors, den Russland seit vier Jahren in seinem Land verbreitet, der "Süddeutschen Zeitung". Langläuferin Oleksandra Kononowa wies mit Ohrringen mit dem Schriftzug "Stop War" auf den Krieg hin, bis sie sie wieder abnehmen musste. Die Botschaft "LOVE", die die Ukrainerin anschließend auf dem Schmuckstück hatte, war in Ordnung. Das "O" war dabei im Umriss des angegriffenen Landes.
In einer langen Stellungnahme beklagte das Ukrainische Paralympische Komitee diesen und weitere Vorfälle und sprach dabei von "systematischem Druck". Unter anderem sei die ukrainische Flagge aus dem Paralympischen Dorf entfernt oder Teamabende seitens Vertretern des IPC und der Organisatoren gestört worden. Das IPC reagierte "überrascht" auf die Anschuldigungen, "da diese bei den Chef-de-Mission-Sitzungen, dem offiziellen Kanal für Rückmeldungen der NPCs, keine Bedenken geäußert hatte", teilte ein Sprecher auf Anfrage mit.
Russland kostet die große Bühne voll aus
"Sie bringen nur Blut und Leid und Trauer über unser Land. Es ist nicht richtig, dass sie hier sein dürfen", klagte Kononowa über die Rückkehr Russlands. Die Ukraine hatte die Eröffnungsfeier in Verona deshalb wie andere Nationen boykottiert, auch Deutschland gehörte dazu.
Die Rückkehr auf die große Bühne kostet Russland voll aus. Nach seiner Bronzemedaille in der Abfahrt zeigte der alpine Skirennfahrer Alexej Bugajew auf die Flagge auf seinem Helm. "Das war schon provokativ", sagte die frühere Monoski-Paralympicssiegerin Anna Schaffelhuber in der ARD. Zu übersehen ist die russische Delegation in Norditalien in ihrer auffälligen Kleidung auch nicht. "Ich sehe die Farbe ihrer knallroten Mäntel und ich denke an Blut", sagte Suschkewitsch: "Das IPC hat einen schlimmen Fehler gemacht."